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09.10.2019 09:11 Uhr

Volkswagen soll auch bei Automatikfahrzeugen geschummelt haben

Während in der letzten Woche die Verhandlung der Musterfeststellungsklage gegen die Volkswagen AG am Oberlandesgericht Braunschweig begonnen hat, musste der Autohersteller in den USA im August erneut eine hohe Strafe zahlen. Der Grund dieses Mal: die Angabe falscher Verbrauchswerte.

In Europa beschränkten sich die Anschuldigungen gegen den Konzern und ehemalige Führungskräfte bislang darauf, dass dank einer manipulierenden Software die Schadstoff- und Verbrauchswerte auf dem Prüfstand reduziert werden konnten. Dabei spritzen SCR-Katalysatoren vermehrt den Harnstoff Adblue ein, um das Abgas zu reinigen. Im alltäglichen Fahrbetrieb greift diese Systematik nicht und die Werte sind deutlich höher als angegeben.

Automatikgetriebe manipuliert Abgas- und Verbrauchswerte

Während der in diesem Zusammenhang geführten Ermittlungen gegen Friedrich Eichler, einem führenden Ingenieur der Volkswagen AG, kam heraus, dass nicht nur der SCR-Katalysator dafür geeignet sei, die Abgaswerte zu manipulieren, sondern auch das Automatikgetriebe des Unternehmens. Das berichtet das Handelsblatt.

Damit wird die Dieselaffäre zu einem Abgasskandal, denn betroffen wären hier auch Benziner. Die würden durch die Software schneller in einen höheren Gang schalten, um Verbrauch und Schadstoffwerte zu verringern - freilich nur auf dem Prüfstand. Beim Diesel funktioniert dieser Mechanismus umgekehrt, denn hier verändert eine hohe Drehzahl in kleinen Gängen den Kraftstoffmix und der Katalysator startet daraufhin die Abgasreinigung.

Schadensersatz-Zahlungen in den USA

Dieser Schummelei kam die US-amerikanische Umweltbehörde EPA bereits 2016 auf die Schliche und verdonnerte Volkswagen daher in diesem Jahr zu einem Vergleich. Der Konzern musste knapp 100.000 Kunden in den USA eine Entschädigungssumme von insgesamt etwa 100 Millionen Dollar zahlen. Volkswagen sieht das jedoch keinesfalls als Schuldeingeständnis und macht klar, dass dieses Vorgehen nur die USA beträfe.

Die Aussagen von Friedrich Eichler lassen jedoch vermuten, dass der Automatiktrick auch in Europa zum Einsatz kam. Zudem liegen dem Handelsblatt belastende Unterlagen vor und es auch ein Audi-Ingenieur hatte sich in diese Richtung geäußert, als er von der Staatsanwaltschaft München II befragt wurde.

Betroffen seien laut Eichler die VW-Modelle Passat, Tiguan und Touareg. Bei diesen besonders schweren Fahrzeugen kam es vor allem auf bessere Verbrauchs- und Abgaswerte an. Die NOx-Werte sollen beim Motor EA 189 in Verbindung mit dem DSG-Getriebe DQ500 um bis zu 20 Prozent verbessert worden sein. Auch schwedischen Behörden waren diese Ungereimtheiten bei Tests im Juni 2015 aufgefallen.

Belastende interne Unterlagen

In den internen Unterlagen aus Wolfsburg ist von einem “Warmlaufprogramm Automatikgetriebe” die Rede und von “höheren Schaltpunkten” beim “Sachverhalt EU” mit dem Resultat geringerer NOx- und CO2-Werte, die dann erreicht werden, wenn das Lenkrad nicht eingeschlagen wird - wie auf dem Prüfstand. Die Lenkwinkel-Erkennung wurde auch von Eichler erwähnt. Volkswagen wiegelt ab und redet von einer “technischen Non-Konformität”. Das Kraftfahrt-Bundesamt hingegen hat im Jahr 2017 einen Rückruf für die betroffenen Fahrzeuge angeordnet, um die lenkwinkelabhängige Getriebewarmlauf-Funktionalität zu entfernen. Seit 2016 soll laut Eichler kein Fahrzeug mehr mit diesem System auf den Markt gekommen sein.

Volkswagen könnten diese Enthüllungen teuer zu stehen kommen - nämlich dann, wenn sie von den Richtern in Braunschweig bei der Musterfeststellungsklage als belastendes Beweismaterial herangezogen werden. Beim Prozess geht es um Schadensersatz für rund 470.000 VW-Kunden.